UTTERING
PROBATUM EST UTERE
Uttering — formgebendes Sprechen
«Die Sterne, die Karten, das menschliche Gesicht — wozu soll man die Zukunft in ihnen lesen, wenn die Worte nicht verändert werden können?» The Picture of Dorian Gray
Uttering ist eine Form der Invokation und des formgebenden Sprechens. Sprache ist darin kein Kommentar zu einer magischen Operation. Das Uttering selbst ist die Invokation. Wahrnehmung, Imagination und Intention verdichten sich im gesprochenen Wort und erhalten dadurch Form und Richtung.
Die Invokation geschieht im Augenblick des Aussprechens. Ihre Wirkung aber muss sich nicht in diesem Augenblick erfüllen. Im Uttering wird etwas, das als Wahrnehmung, Vorstellung oder Möglichkeit gegenwärtig ist, ausgesprochen und damit bewusst in Beziehung zur Wirklichkeit gesetzt. Das Wort wird zur Setzung. Wenn Zukunft nicht einfach feststeht, sondern sich aus Möglichkeiten, Entscheidungen und Beziehungen entfaltet, wird Sprache selbst zu einem Faktor dessen, was sich entfalten kann. Das Aussprechen legt die Zukunft nicht fest. Es bringt etwas in sie ein. Das Wort ersetzt dabei die Handlung nicht.
Uttering verlangt die Bereitschaft, mit dem weiterzuarbeiten, was durch die Invokation in Bewegung gekommen ist, indem Erfahrung in Bedeutung, Bedeutung in Form und Form in Werden überführt wird.
Gerade darin unterscheidet sich Uttering von Affirmation, Autosuggestion oder der populären Vorstellung des „Manifestierens“. Ein Wunsch wird nicht deshalb Wirklichkeit, weil er oft genug ausgesprochen wird. Uttering verlangt Präzision, Präsenz und Konsequenz. Es geht nicht darum, sich eine andere Wirklichkeit einzureden oder sie dem eigenen Willen zu unterwerfen. Auch eine Intention ist dabei kein festes Konstrukt. Sie verändert sich im Verlauf ihrer Entfaltung. Was zunächst ausgesprochen wurde, tritt in Beziehung zur Erfahrung; neue Wahrnehmungen entstehen, Zusammenhänge verschieben sich, andere Möglichkeiten werden sichtbar. Die Formgebung wirkt zurück auf den Formgebenden.
Eine entscheidende Gestalt für diese Arbeit begegnete mir im Hablador — dem Sprechenden, der transformative Wege öffnet. Kennengelernt habe ich diese Figur durch einen salvadorianischen Hablador der toltekischen Linie. Seine Arbeit verbindet das gesprochene Wort mit einer performativen und magischen Praxis und reicht in ihrer erweiterten Form bis in die Velada, das mazatekische Nachtritual, worin auch traditionelle psychoaktive Pilze ihren Platz haben.
2023 erhielt ich seinen Segen, die Velada innerhalb meines eigenen kulturellen Kontextes in eine adaptierte Form zu überführen. In meiner Praxis wurde Amanita dabei zum Ally des Sprechenden und ich verband die Velada mit meinem eigenen kulturellen und mythologischen Bezugsraum. Aus dieser Begegnung heraus begann ich, die Funktion des Hablador innerhalb XAMONUS zu integrieren und daraus jene Praxis des formgebenden Sprechens zu entwickeln, die ich heute Uttering nenne.
Uttering bedeutet, etwas bewusst in die Wirklichkeit zu setzen – und aufmerksam genug zu bleiben, um zu erkennen, was daraus werden will.
Alchemist der Sprache
Meine Arbeit als Forschungskünstler ist über viele Jahre aus unterschiedlichen Formen transpersonaler und initiatorischer Erfahrung gewachsen. Dabei haben sich die Rollen, Praktiken und Ausdrucksformen meiner Arbeit immer wieder verändert und weiterentwickelt. Was sie verbindet, ist weniger eine einzelne Tradition als ein fortlaufender Prozess des Erfahrens, Prüfens und Formens.
Darin liegt für mich eine alchemistische Qualität des Hablador. Sein Material ist die Psyche; Sprache und Imagination sind seine Werkzeuge.
Alchemie bildet dabei weniger eine historische Tradition, der es zu folgen gilt, als eine philosophische Resonanz: die Vorstellung, dass Wandlung aus der Begegnung unterschiedlicher Kräfte hervorgeht und dass das Wertvolle nicht zwangsläufig dort zu finden ist, wo wir das Reine, Erhabene oder Erleuchtete vermuten.
